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     Heitere Orgelmusik:
Werke von Amadeus Plagiavsky Mozart   MZ, 22.7.02
Konzert: Orgelsommer begann heiter

Münster – Nordrhein-Westfalen hat endlich Ferien, und das halbe Münsterland ist in den Urlaub gefahren. Für die daheim gebliebene Hälfte hat Martin Blindow erneut das Erwachsenen-Ferienprogramm in Münster organisiert: sieben Orgelkonzerte an den Feriensamstagen in sechs Innenstadtkirchen. 
Klaus Vetter eröffnete die Konzertreihe in „seiner“ Apostelkirche mit einer Präsentation der komödiantischen Fähigkeiten des Instrumentes. „Die heitere Orgel“ hieß das Programm, und tatsächlich blieb in den gut gefüllten Bänken kein Auge trocken.
Zu Beginn gab er sich eher noch zurückhaltend. Johann Sebastian Bachs Bearbeitung einer Komposition des Prinzen von Sachsen-Weimar war durchaus heiter, aber nicht komisch. Man schmunzelte bei dem fröhlichen Volksliedchen, dass der Münchner Augustinerpater und spätere Musikprofessor Theodor Grünberger für die Verwendung in der Liturgie arrangierte. 
Die Franzosen sind die Spezialisten für derart heitere Kirchenunterhaltung. Ein Scherzo von Eugène Gigout, ein Verset von Félix Alexandre Guilmant und ein Boléro von Louis James Alfred Lefébure-Wély würde man eher in einem Konzert statt in einer Messe erwarten.
Mehr lautes Gelächter als leises Schmunzeln provozierte der letzte Teil des Konzertes. Eingeleitet von Scott Joplins „Entertainer“ und Zsolt Gárdonyis „Mozart Changes“ hatte Vetter die wahren Brüller für den Schluss aufgehoben. W.A. Plagiavsky Mozarts vier Stücke für die Trompetenuhr stammen im wirklichen Leben von Peter Planyavsky, Organist des Stephansdoms in Wien. Der humorvolle Kirchenmusiker sammelte Mozartsche Versatzstücke und rührte mit einer guten Portion Wiener Schmäh einen köstlichen Kaiserschmarrn zusammen.
Ein wahrer Künstler auf diesem Gebiet ist P.D.Q. Bach. Sein „Klavierbüchlein für Betty-Sue Bach“ vermengt Spielfiguren, Anleihen an andere Stile, Formzitate und hohle Klangblasen zu etwas, was wie Musik klingt, in Wirklichkeit sie jedoch gekonnt persifliert. Als Rausschmeißer hatte Vetter dann noch eine „Sortie“ von Lefébure-Wély ausgesucht, allerdings wollte das Publikum erst nach einer Kuckuckszugabe endgültig gehen.
Dirk Jaehner
 

Das kann ja heiter werden...  WN 23.7.02
Klaus Vetter amüsierte beim Auftakt zum „Orgelsommer“

Seine Allemande hat Kirmesorgel-Charme, eine Courante peppt er mit Karate-Elementen zur „Corrate“ auf, und der Versuch, die erste Invention seines übergroßen Vaters zu bearbeiten, scheitert nach schier endlosen Sequenzen hoffnungslos am rechten Rand der Klaviatur. Hätte der Musikwissenschaftler Peter Schickele ihn nicht aufgestöbert, man müsste ihn glatt erfinden: jenen vermisst geglaubten 21. Bach-Sohn P.D.Q!
Mit diebischer Lust am Schalk stürzte sich Klaus Vetter auf die stümperhaften Kompositionsversuche dieser tolldreisten Mogelpackung. Auch wenn ihm im vierten Satz aus dem „Klavierbüchlein für Betty-Sue Bach“ lautstark und garantiert absichtsvoll der Deckel auf die Finger knallt. An „seiner“ Ott-Orgel in der Apostelkirche. Einen humorigeren Auftakt hätte sich der „Orgelsommer 2002“ gar nicht wünschen können.
Es durfte gelacht und geschmunzelt werden bei „Die heitere Orgel“. Wurde es auch. Schließlich war der untalentierte Bach-Sprössling längst nicht alles, was der Kantor im Komiker-Gepäck hatte. Da wäre zum Beispiel noch der freche Aufschneider W.A. Plagiavsky Mozart. Wer seinen berühmten Namensbruder aber so köstlich durch den musikalischen Fleischwolf zu drehen versteht wie der Wiener Domorganist Peter Planyavsky, hat die Lacher auf seiner Seite. Der lieferte zu seinen „Vier Stücke für die Trompetenuhr“ neben dem Pseudonym gleich noch eine abenteuerliche Entstehungsgeschichte. Und Vetter machte – streng dessen Anweisungen folgend – „sempre un poco tolpaggiamente“ aus einer tirilierenden Lerche ein grunzendes Wildschwein und aus der Alla Turca „molto penetrante“ einen trugschlussreichen Truthahn-Marsch (alla Turkey). Mit Spaßgeige, Perversflöte, Schreberquarten und Überschallmei. Einfach klasse!
Dabei hatte doch alles fast so harmlos begonnen. Fast. Mit Bachs (diesmal der Echte!) naiv-verspielten G-Dur-Concerto, das er einst seinem jung verstorbenen Freund Johann Ernst Prinz von Sachsen ablauschte. Aber schon nach Theodor Grünbergers ganz und gar nicht geistlichen „Unter der Wandlung“ wurde klar, dass hier jemand angetreten war, sein Instrument vom hehren sakralen Sockel zu stürzen.
Mit Drehorgel-Geleier und markigen Bolero-Rhythmen eines Louis James Lefébure-Wely ebenso wie mit Scott Joplins spritzigem „Entertainer“. Köstlich unorthodox und farbenreich registrierend, kitzelte Vetter selbst den derbsten Floskelbrei, ließ neckische Funken sprühen und mit Zsolt Gardonyis „Mozart Changes“ keinen Zweifel darüber aufkommen, dass der Donnerblitzbub auch ein großartiger Jazzer hätte werden können...
Markus Küper