Lotta Blokker im Gespräch mit Sarah Breuer, MA und Dr. Ulrich Bartels, Ev. Apostel-Kirchengemeinde Münster in der Ev. Apostelkirche Münster, Donnerstag, den 24.08. 2017

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Lotta Blokker Interview


Lotta, du bist 1980 in Amsterdam geboren worden. Wie bist du zur Kunst gekommen?

Ich war 14 Jahre alt, als ich merkte, dass in mir etwas „passiert“. Es war in der Schule. Ich hatte viele Fächer: Mathe, Sprachen, Naturwissenschaften …, aber auch Kunst. Bis dahin hatte ich nicht viel gemalt, aber mein Kunstlehrer sah etwas in meiner Kunst, was ich selber nicht gesehen habe. Er inspirierte mich dazu, mehr zu malen. Lehrer sind sehr wichtig, da sie der Grund sein können, warum man seine Talente entdeckt. Als ich dann mit 16 Jahren im Rahmen einer Klassenfahrt nach Paris das Rodin-Museum besuchte, passierte etwas Magisches: Ich sah seine Skulpturen und wusste gleich, das ist es, was ich machen möchte.

Warum gingst du mit 19 Jahren nach Florenz zum Studieren?

Nachdem ich gemerkt hatte, dass ich künstlerisch tätig sein will, brauchte ich eine Akademie, die mir die Fähigkeiten vermittelt, mich auszudrücken. Ich wusste, dass es nicht einfach ist, eine gute Schule zu finden. Aber ein Freund meiner Mutter empfahl mir die Florence Academy of Arts und ich war sehr froh mit dieser Wahl.

In der Apostelkirche zeigen wir unter dem Titel „Verwandte Nähe“ ¹ deine Werke zusammen mit Skulpturen und Graphik von Käthe Kollwitz. Wann hast du zum ersten Mal von ihr gehört?

Lotta Blokker SkulpturDas war in Florenz während des zweiten Studienjahres. Einer meiner Lehrer zeigte mir ein Buch über sie und meinte, meine Arbeiten würde ihn an das Werk von Käthe Kollwitz erinnern. Ich blätterte in dem Buch und war fasziniert. Kollwitz‘ Werk ist unglaublich. Am meisten inspirierte mich „Die Mutter mit totem Sohn (Pietà)“. Direkt danach fertigte ich eine Kopie davon an. Die Kopie steht noch immer in meinem Atelier in Amsterdam. Als ich 2006 wieder in Amsterdam war, fertigte ich die Skulptur „Hommage à Käthe Kollwitz“ an. Die Skulptur war kurz danach in einer Galerieausstellung zu sehen. Dort sprach mich eine Dame an. Ob ich Lotta Blokker sei und von Kollwitz inspiriert wäre? Ich bejahte und meinte, sie sei meine Heldin. Die Frau sah mich an und erwiderte, sie sei die Direktorin vom Käthe-Kollwitz-Museum in Berlin. Ich wurde augenblicklich rot, aber so kam ein Kontakt zu dem Museum zustande und ich konnte dort in 2015 meine
Werke zusammen mit denen von Käthe Kollwitz ausstellen²

¹ Verwandte Nähe – Käthe Kollwitz & Lotta Blokker. Skulpturen & Graphiken. Evangelische Apostelkirche Münster und Haus der Niederlande Münster 04.06.2017 – 27.08.2017

Kollwitz-Blokker-Katalog 31.5.2017
² Im Dialog mit Käthe Kollwitz – Lotta Blokker. Käthe-Kollwitz-Museum Berlin 22.06.2015 – 01.11.2015

Wie findest du deine Modelle?

Lotta BlokkerEs ist sehr schwierig, Modelle zu finden, die perfekt für meine Skulpturen sind. So etwas passiert nur zwei- bis dreimal im Jahr und ich finde sie immer in Momenten, in denen ich nicht damit rechne. Dann, wenn ich es am wenigstens erwarte, kreuzen sie meinen Weg. Coos zum Beispiel, sie ist meine Muse! Und ich fand sie in einer Apotheke, als es mir selbst nicht gut ging und alles stagnierte. Ich arbeitete gerade an der Serie „Pietà“, drei Skulpturen waren bereits fertig, aber die Serie fühlte sich nicht beendet an, obwohl ich kein Modell oder eine Idee für eine weitere Skulptur hatte. Aber dann traf ich Coos, eine 92-jährige Frau, und ich wollte sie als Modell gewinnen. Also fragte ich sie: Entschuldigung, würden Sie Modell für mich stehen? Sie war sehr verblüfft. Ob ich wirklich sie meinte. Aber sie war einverstanden. Als sie dann in mein Atelier kam, war es sehr anstrengend für sie. Man muss ein paar Treppen hinauf gehen, aber sie war zäh. Sie ging ein paar Stufen, machte eine Pause, ging wieder ein paar Stufen und machte eine Pause …. Ich könnte ewig von ihr erzählen, sie ist klasse. Es ist eine Freundschaft entstanden, aus der zwei Skulpturen entsprangen, zunächst „Pas de deux“ mit der 92-jährigem Coos und dann als Liegende in „Silhouette III“, als sie 98 Jahre alt war. Mittlerweile ist sie 101 Jahre und lebt noch immer.

Wird es noch eine weitere Skulptur mit Coos als Modell geben?

Vielleicht!

Wie lange arbeitest du an einer Skulptur und wie läuft das ab? Wie viel Zeit verbringst du mit dem Modell und wie viel alleine?

Lotta BlokkerDas ist ungefähr 50:50. Zu Beginn brauche ich das Modell immer. Ich beobachte es dann ganz genau, studiere alle Gesichtsausdrücke und seine Gefühle. Jeder Mensch durchlebt die verschiedensten Stimmungen – sogar an einem einzigen Tag – und all diese Gefühle will ich sehen und sie dann in eine Figur bringen. Alleine brauche ich aber nochmal so viel Zeit, damit am Ende alles stimmig ist. Wie viel Zeit ich für eine Skulptur benötige, ist unterschiedlich. „Pas de deux“ beendete ich in drei bis vier Monaten. Manchmal ist es aber auch schwieriger. Da muss ich viel nacharbeiten und dann kann es auch mal neun Monate dauern. Für mich ist es aber wichtiger, eine Skulptur zu schaffen, die beeindruckend ist, die die Menschen berührt, als viele ausdruckslose Figuren anzufertigen. Es ist einfach wichtig, dass man sich die Zeit nimmt, die man braucht.

Die Besucher stehen oder sitzen häufig ungewöhnlich lange vor Deinen Arbeiten. Wie bringst du diese Emotionen in die Figuren?

Lotta BlokkerIch denke, zunächst sind die Augen bei einer Skulptur sehr wichtig. Aber darüberhinaus ist jeder Körperteil wichtig. Egal, ob es eine Hand ist oder eine Augenbraue. Jedes Teil kann etwas erzählen. Das Leben, das in einer Skulptur steckt, denke ich, entsteht durch die Zeit, die ich zuvor mit dem Modell zusammen war. Weil ich die Person wirklich intensiv und wohl auch ein wenig unheimlich beobachte, muss das Modell mir vertrauen. Es muss vergessen, dass ich es beobachte, denn so sehe ich die wirklichen Gesichter, wenn ein Auge zum Beispiel zuckt oder der Mund sich verzieht. Diese kleinen Regungen sammle ich, um daraus eine Kollektion zu kreieren.

Die Skulptur des kleinen Jungen mit den hoch gehaltenen Händen heißt „Muted“. Was kann der Betrachter sich unter dem Titel vorstellen?

Lotta BlokkerDie Skulptur gehört zur Serie „The Hour of the Wolf“, was so viel wie „schlaflose Nächte“ bedeutet. Ich denke, dass man des Nachts die meisten Emotionen hat. Und diese wahren Gefühle faszinieren mich. Man sieht sie nicht oft, weil wir zu beschäftigt sind mit der Arbeit, der Familie, mit dem Leben. Ich merkte das einmal, als ich in einem Park spazieren ging. Ich sah ein Mädchen weinen. Das berührte mich sehr und ich beobachtete sie. Alle anderen Personen gingen einfach weiter, beachteten sie nicht. Schließlich ist das auch eine sehr private Situation. Aber von dann an wollte ich öfter nach Emotionen Ausschau halten. So kam ich auf Menschen, die in der Nacht wach sind. „Muted“ bedeutet in diesem Zusammenhang „ein bisschen stiller“. Seine Hände sind hinter einem Fenster, eine durchsichtige Wand, die ihn von den Menschen trennt, die schlafen.

Wie kam es zu dem Titel „The Hour of the Wolf“? Wurdest du vom dem hier eher weniger bekannten schwedischen Film „Die Stunde des Wolfs“ von 1968 inspiriert?

Ingmar Bergmann ist ein toller Regisseur, ich habe viele seiner Filme gesehen. Aber der Titel für meine Serie kommt nicht von dem Film. Ich hatte den Titel bereits in meinem Kopf. Er beschreibt die Nacht zwischen fünf und sechs Uhr morgens, der Zeitraum zwischen Tag und Nacht. Es ist weder dunkel noch hell. Es ist ein merkwürdiger Moment. Eine Zeit, in der die meisten Kinder geboren werden und die meisten Menschen sterben. Und in der Serie zeige ich die Menschen, die zu dieser Zeit wach sind. Das dazu passende Wolfsgeheul ist für mich ein Symbol dazu.

Was ist mit der Skulptur „It’s a boy“, welchen Hintergrund hat sie?

Lotta BlokkerAn der Skulptur arbeitete ich, als ich schwanger war. Ich war mit einem Jungen schwanger, aber das wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Ich freute mich sehr auf das Kind, aber ich hatte Angst und fragte mich, was will das Kind? Wird es glücklich werden in seinem Leben? Will es dieses Leben überhaupt? Deswegen machte ich die Skulptur und benannte sie nach dem ersten Satz, den man nach einer Geburt hört: „It’s a boy!“ Mit diesem Satz beginnt das Leben eines Jungen. Ich werde alles tun, um dieses Leben zu verschönern, werde ihm alle Liebe geben, so wie jede Mutter das tut. In meiner Skulptur ist der Junge schon erwachsen, er ist größer als die Mutter. Trotzdem steht sie noch hinter ihm, er fühlt ihre Gegenwart. Aber die Mutter ist teilweise hilflos, wenn ihr Kind traurig ist oder Probleme hat, wie es bei diesem jungen Mann war. Dennoch steht sie hinter ihm und ist bei ihm. Und die Hände der Mutter mussten in dieser Pose sein. Ich wusste nicht warum, aber als ich dann mit meinem Kind im Zoo war, sah ich eine Kängurumutter und die stand mit ihrem Baby im Beutel ebenso da, die Handflächen nach hinten zeigend. Das passte für mich.

Wir sind hier in einer Kirche. Erzähle etwas zu deiner Pietà-Serie. Sie entstand direkt nach Deinem Studium. Wie kamst du zu diesem religiösen Thema?

Lotta BlokkerIch studierte in Florenz, in Italien. Dort sah ich viele Pietà-Darstellungen. Die Pietà ist eine beeindruckende Szene: die Gottesmutter mit dem toten Sohn. Das inspirierte mich, meine eigene Pietà-Serie zu machen. Aber ich wollte eine menschliche Pietà darstellen. Wenn ich in einer Kirche bin und das Kruzifix sehe, assoziiere ich damit immer etwas Schlimmes. Deswegen wollte ich ein menschliches Kruzifix machen. So entstand die Idee zur Skulptur „See me“ („Sieh‘ mich an“). Hier habe ich versucht, einen Menschen nach schwerer physischer oder psychischer Qual darzustellen. Nach seiner Erlösung teilt er diese Erfahrung mit anderen. Das Erscheinungsbild ist das des Leidens Christi: der Körper des Mannes hat noch immer die Form des Kreuzes, doch sein Vertrauen in die eigene Stärke ist zurück gekehrt.

Hast du auch einmal versucht, abstrakt zu arbeiten?

Als ich in der Akademie war, lernte ich durch die Lehrer und meine Kommilitonen abstrakte Kunst kennen. Ich mag abstrakte Kunst auch. Es ist mir eigentlich egal, in welch einem Kunststil man schafft. Manchmal berührt mich die Kunst und manchmal nicht. Mir persönlich liegt allerdings die menschliche Figur. Ich kann so Gefühle am besten ausdrücken.

Was sind deine Pläne für die Zukunft?

Ich arbeite gerade an einem intensiven Projekt. Ich beschäftige mich mit dem Thema Flucht. Ich kam darauf, als ich den kleinen Jungen am Strand sah, ein Foto, das jeder aus den Nachrichten kennt, ein Bild, das Leute verbindet. Durch dieses Foto wachte ich auf. Es sagte mir, dass wir etwas tun müssen. Obwohl ich Bildhauerin bin, schaute ich nach weiteren solcher Fotos und versuchte herauszufinden, was es ist, was an uns rüttelt. Und weil ich Bildhauerin bin, will ich eine Skulptur erschaffen, die ebenfalls alle aufweckt.

Du hast drei kleine Kinder. Wie bekommst du Arbeit und Familie unter einen Hut?

Ich arbeite an vier Tagen in der Woche. Freunde und Großeltern sind so nett und passen dann auf die Kinder auf. Ich denke, durch meine Kinder wird meine Arbeit besser und durch meine Arbeit, bin ich eine reichere Mutter. Ich fühle die Liebe. Aber ich muss aufpassen und netter zu mir selbst sein, weil es natürlich auch Momente gibt, in denen ich mich schuldig fühle, weil ich sowohl für das eine als auch für das andere zu wenig Zeit aufbringen kann.

Wir danken für das Gespräch.

Das Gespräch mit Lotta Blokker führten Dr. Ulrich Bartels (Ev. Apostel-Kirchengemeinde Münster) und Sarah Breuer, MA. Mit Zustimmung der Künstlerin aus der Mitschrift zusammengestellt und dem Englischen übersetzt von Sarah Breuer.

Fotos: Felizitas Bartels, Lotta Blokker, Manfred Strater,
Copyright: Evangelische Apostel-Kirchengemeinde Münster


Ausstellung: Käthe Kollwitz und Lotta Blokker

Kollwitz-Skulptur eingetroffen

Münster – Vom Kollwitz-Museum in Berlin in die Apostelkirche: „Mutter mit zwei Kindern“ (1934-36). Für drei Monate wird das wertvolle Exponat nach Münster ausgeliehen, das gestern eintroffen und Christi Himmelfahrt zunächst kurz zu sehen ist, um dann ab der Ausstellungseröffnung am 4. Juni bis zum 27. August der Öffentlichkeit präsentiert zu werden. Die Doppelausstellung „Verwandte Nähe“ zeigt parallel zu den „Skulptur-Projekten“ Skulpturen sowie Grafiken von Käthe Kollwitz und der Niederländerin Lotta Blokker. In der Apostelkirche werden 18 Grafiken und fünf Skulpturen von Kollwitz zu sehen sein, darunter die berühmte Pietà und als großzügige Geste des Käthe-Kollwitz-Museums die Plastik „Mutter mit zwei Kindern“. Von Blokker sind die vierteilige Serie „Pieta“ und vier Skulpturen aus der neunteiligen Serie „Hour oft he Wolf“ zu sehen. Im Zunftsaal des Haus der Niederlande werden die weiteren fünf Werke aus dieser Serie gezeigt.

Quelle: Westfälische Nachrichten, 24.05.2017

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Apostelkirche und Haus der Niederlande zeigen Kunstwerke von Käthe Kollwitz und Lotta Blokker

Liebevoller Blick auf den Menschen

Münster – Vor fünf Jahren zogen die Skulpturen Ernst Barlachs in der Apostelkirche und an weiteren Schauplätzen bei einer Ausstellung des Kirchenkreises Münster die Aufmerksamkeit auf sich. In diesem Sommer, 500 Jahre nach der Reformation, dürfen sich Kunst- und Kulturfreunde erneut auf die Spuren großer Kunst begeben. 

Quelle: Westfälische Nachrichten, 01.06.2017 von Johannes Loy

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Skulptur bleibt in der Apostelkirche

Rückkehr der eigenen Stärke

Münster – Einen fünfstelligen Euro-Betrag haben Mitglieder der Apostelkirchengemeinde insgesamt gespendet, um dieses Kunstwerk dauerhaft in ihrer Kirche zu haben: „See me“ – eine lebensgroße Bronzeskulptur der niederländischen Bildhauerin Lotta Blokker. Die 38-Jährige hatte während der „Skulptur-Projekte“ im vergangenen Jahr bereits dieses und 13 weitere Werke in der Kirche und im Haus der Niederlande präsentiert. 

Quelle, Westfälische Nachrichten, 06.05.2018 von Klaus Möllers

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