Händel Coronation Anthems - Kantatengottesdienst:



WN 04.2006



 
Dem Herrn ein neues Lied gesungen
Händels Krönungskantaten als österliche Werke
Von Markus Küper

Münster. Mit einem gewissen Jubelchor aus dem populären „Messias“ kann es die
Musik von „Zadok the Priest“ locker aufnehmen. Viel zu schade, um gemeinsam mit
ihren drei Schwestern auf die nächste Krönung im Vereinigten Königreich zu warten,
ist sie allemal. Dort nämlich gehört diese „Coronation Anthem“ eigentlich hin. Seitdem Georg Friedrich Händel, seinerzeit Hofkomponist „for his Majesty’s Royal Chapel“, sie zur feierlichen Inthronisation von König Georg II. komponierte. Das war 1727. Dank der Münsteranerin Dagmar Jacoby ist es mit der Abstinenz nun vorbei. Sie holte die Krönungskantaten der Westminster Abbey in die Osterliturgie der Apostelkirche. Indem sie das machte, was auch für den gar nicht zimperlichen Händel das Selbstverständlichste von der Welt war und was er für seine Oratorien „Esther“, „Deborah“ oder „Athalia“ mit dieser Musik ebenfalls tat: sie parodierte. Sie schrieb einfach neue Texte zur Musik. Schwups – schon werden aus den vier Krönungskantaten prachtvolle Osterkantaten. Und statt der zeremoniellen Salbung eines weltlichen Herrschers zu huldigen,
wird nun – im wahrsten Sinne des Wortes – dem Herrn ein neues Lied gesungen. 
Dem Dirigenten Klaus Vetter, seinem Figuralchor und dem Kammerorchester der
Apostelgemeinde sei Dank, wird nun zu „The king shall rejoice“ der Tod mit Pauken
und Trompeten besiegt. Mit festlichem Glanz im prunkvollsten Kolossalstil. Dazu passt es gut, wenn die Sequenzen die breite Treppe zum Thron emporsteigen und der Chor mit ansteckender Begeisterung seine Koloratursalven abbrennt. Warum auch sollte ein solch vorzüglicher Klangkörper den auferstandenen Heiland nicht mindestens so leidenschaftlich anhimmeln dürfen wie verzückte Teenies den monarchischen Hoffnungsträger Prinz William. . .
Mit viel Gespür für die teils abrupten Affektwechsel der Musik sind diese deutschsprachigen Texte  unterlegt. Auch für ihre melancholischen Momente. Wo in „Let Thy Hand be Strengthene“ chromatische Vorhalte wie Seufzer die Stille füllen, tröpfeln nun Karfreitagstränen zu den Worten „Gestorben, begraben“ in den Kirchenraum. Sehr wirkungsvoll heißt Vetter seine Sänger schweigen.
Dennoch: Königliche Klangprotzerei gehört einfach dazu, wenn Vetter für die frohe Osterbotschaft die Kronjuwelen dieser Kantaten zum Funkeln bringt. Wenn auch stets mit noblem, dem Anlass angemessenen Gepräge. God save his „Figural Choir“!
Westfälische Nachrichten, 18. April 2006



 

„Du bist erstanden und hast uns befreit ...“
G. F. Händels Krönungskantaten mit neu verfasstem deutschen Text
Erstaufführung Ostermontag 2006 

Über Generationen hinweg erfüllten sie Krönungszeremonien mit festlichem
Glanz, in diesem Jahr sollen sie erstmals in einem Ostergottesdienst in der
Apostelkirche Münster erklingen: Händels vier Krönungskantaten (Coronati-
on -Anthems). G. F. Händel hat sie für den Festgottesdienst in Westminster
Abbey zur Krönung von George II. und Caroline zu König und Königin von
England am 11. Oktober 1727 komponiert. 

Nach zeitgenössischen Berichten bestand der Chor aus 40 Stimmen und un-
gefähr 160 Geigen, Trompeten, Oboen, Pauken und Bässen. Einige dieser
Anthems waren sehr beliebt und wurden seitdem bei jeder der folgenden
Krönungsfeierlichkeiten musiziert. Eine Verwendung zu anderen Gelegen-
heiten als zur Krönung eines Königs von England war aufgrund des Textes
(u.a. „Long live the King“) nicht möglich. 
Diese Kantaten macht Kantor Klaus Vetter nun zum Jubiläum „60 Jahre Kan-
torei an der Apostelkirche“ in diesem Jahr für die Kirchenmusik verwendbar.
Dagmar Jacoby (Münster) erstellte einen deutschen Text zum Ostergescheh-
en, der dieser Musik eine neue Aussage und damit auch eine neue Verwen-
dungsmöglichkeit gibt. Die festlichen Teile besingen die Herrlichkeit Gottes,
die Auferstehung Christi und seinen Sieg über den Tod, während die besinnli-
chen Teile an die Gnade Gottes und sein Erbarmen mit den Menschen erinnern. 
Eine solche Umarbeitung („Parodie“) ist nicht neu: auch J. S. Bach hat sie in
seinem Weihnachtsoratorium angewendet. Wer kennt heute beispielsweise die
herrliche Musik aus der Glückwunschkantate zum Geburtstag der sächsischen
Kurfürstin Maria Josepha: „Blühet, ihr Linden in Sachsen, wie Zedern“? Kaum
einer. Aber als Musik zu dem Text „Herrscher des Himmels“, dem Eingangs-
satz zur 3. Kantate des Weihnachtsoratoriums, ist sie weltbekannt geworden.
Mit ihrem neuen deutschen Text erklingen die Coronation-Anthems von G. F.
Händel als Erstaufführung am Ostermontag, dem 17. April 2006 im Kantaten-
gottesdienst um 10 Uhr in der Apostelkirche. Es musizieren der Figuralchor
und das Kammerorchester an der Apos-telkirche unter Leitung von Kantor
KMD Klaus Vetter.

Dagmar Jacoby, geb. 1942, ist Mitglied der Apostelkirchengemeinde und
hat in den letzten Jahren mehr als 80 Gedichte in der Münsterschen Zeitung
veröffentlicht. 2002 erschien ihr erster Gedichtband „Es ist angedichtet“.


Vor Beginn der ersten Chor-Probe am 2.2.2006 erhält Dagmar Jacoby (2.v.l.)
von Kantor Klaus Vetter das erste Exemplar der Händel-Noten mit dem von ihr
unterlegten neuen Text. Im Hintergrund der Figuralchor an der Apostelkirche,
der die Kantaten erstmals in Münster aufführen wird.


Erstaufführungen
für Soli, Chor und Orchester in Münster durch die Kantorei an der Apostelkirche:
1994 Joseph Gabriel Rheinberger Der Stern von Bethlehem
1996 Arvo Pärt Te Deum
1997 Fanny Mendelssohn Oratorium nach Bildern der Bibel
1998 Frank Martin In terra pax
(zu „350 Jahre Westfälischer Friede“)
1998 Tilo Medek Der Friede wird immer gefährlicher
(zu „350 Jahre Westfälischer Friede“)
2001 Max Bruch Die Flucht der heiligen Familie
2002 G.F. Händel Funeral-Anthem for Queen Caroline

Eine Erstaufführung erfordert besonderen Aufwand:
– Es ist mehr Probenzeit als üblich erforderlich, da das Werk nicht bekannt ist
– Die Noten gibt es bei modernen Werken nur leihweise. Die Leihgebühr ist sehr
hoch, da der Komponist in der Regel davon lebt. Bei älteren Stücken, die nicht im
Druck erschienen sind, müssen die Noten für Chor und Orchester selbst hergestellt
werden.